Fliegen

Nach einer zweistündigen Wanderung in den Bergen, lege ich mich ins Gras und träume. Mein Körper hebt langsam von der Wiese ab – ich fliege. Schwerelos gleite ich durch die Lüfte. Kein Schuh, der drückt, kein Hallux, der mir zuruft: "Ich will hier raus!", womit er Schusters Rappen meint. Die Thermik trägt mich immer höher, die Stille schärft meine Sinne – was für ein Panorama. So, wie sich ein Collier an das Dekolleté einer Frau schmiegt, so umrahmt ein Wanderweg den Berg. Ein kleiner Bach im Tal wirkt wie eine Bordüre, Almhütten und Kühe wie filigrane Stickereien in dem monumentalen Ganzen. Bisher schauten die Baumwipfel immer auf mich herab, heute bin ich es, die sie von oben betrachtet.

Ich schwebe, mit all meinen Sinnen, meine Arme sind mein Lenkrad. Ich beobachte unbemerkt eine Familie, deren Kinder der Verzweiflung nahe sind und immer wieder rufen: "Wie weit ist es denn noch? Wann sind wir denn endlich da?" Dass die Eltern die Wanderung unterschiedlich wahrnehmen, ist selbst aus luftiger Höhe nicht zu übersehen. Er ruft strahlend "Schau mal, da drüben sieht man den Chiemsee". Sie antwortet mit hochrotem Kopf "Ja, von mir aus". "Warum in aller Welt, machen Menschen in ihrer knappen und kostbaren Freizeit Dinge, die ihnen absolut zuwider sind?", frage ich mich. Es gibt doch dieses kleine Wort, mit vier Buchstaben "Nein". Aber das soll nicht mein Problem sein. Ich fühle mich im siebten Himmel und lasse mich weitertreiben. Ein mächtiger Geier umkreist mich. Dabei zwinkert er mir süffisant zu und ruft:" Na Kleine, haste Dich verflogen?" "Je oller, je doller", geht es mir durch den Kopf. Aber warum soll es dem Geier besser gehen als mir? Eine Dohle ist von meinem Anblick so irritiert, dass sie fast gegen einen Felsen geprallt wäre. Wütend pfeift der schwarze Tollpatsch mir etwas zu, was ich aber zum Glück nicht verstehe.

In meinem Traum fliege ich zurück nach München. Beim Überfliegen der Autobahn stellt sich der Wahnsinn der Wochenendgestaltung von Vielen in seiner vollen Größe dar: Stau, soweit das Auge reicht. Man will ja schließlich am Montag etwas erzählen können.

Ach was könnte ich alles erzählen, wenn ich meine Beobachtungen aus der Luft zum Besten geben würde. Ich fürchte aber, man würde mir nicht glauben. 

In meinem Traum nehme ich die eindeutigen Vorteile des Fliegens wahr: nie wieder Probleme mit Absätzen auf Kopfsteinpflaster. Nie wieder an Fußgängerampeln stehen bleiben müssen, obwohl ich es eilig habe und nie wieder nach Blasenpflastern suchen, weil ein neuer Schuh doch irgendwo scheuert, obwohl er bei der 2-minütigen Anprobe im Geschäft so bequem war. Ab sofort sind mir Straßenschilder und Straßenführungen egal. Ich kann abkürzen und so schnell oder langsam sein, wie ich will – mit anderen Worten: "frei".

Plötzlich spüre ich etwas in meinem Gesicht. Es fühlt sich an, wie ein rauer, feuchter Küchenschwamm, den es aber definitiv nicht in der Luft geben kann. Dann ein "Muuh" und ich bin wieder hellwach. Eine Almkuh hat mich aus meinen luftigen Träumen gerissen und für eine eher unsanfte Landung in der Realität gesorgt. Schade, ich wäre gerne noch etwas weitergeflogen.

Bilder aus Worten ©️Karin Guterding
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