Bald
Die Geschichte von Heimatvertriebenen
Hans merkte: etwas stimmt nicht. Vater wickelte das gute Sonntagsgeschirr in Leinentücher ein und vergrub es im Garten. Wortlos, mit versteinerter Miene. Er sprach kaum noch. Mutter versuchte vor den Kindern eine "Heile Welt" vorzuspielen. Aber Mutter war eine schlechte Schauspielerin. "Etwas stimmt nicht!" ging es Hans, dem jüngsten von 7 Kindern, immer wieder durch den Kopf. Seine Geschwister waren zum Schweigen verdammt worden. "Das verstehst Du noch nicht." "Du bist noch zu klein", war alles, was er als Antwort erhielt.
Dann kam der Tag, an dem Männer aus dem Ort vor der Tür standen. Ernst, fast bedrohlich sahen sie aus, als sie Vater ein Schreiben überreichten. Er überflog die Zeilen und schüttelte wortlos den Kopf. Mutter packte die Koffer und betete dabei einen Rosenkranz nach dem anderen.
Mit einem Leiterwagen, gezogen von zwei prächtigen Rössern, fuhr die Familie am nächsten Morgen zum Bahnhof. Menschen, so weit das Auge reicht. "Wir kommen bestimmt bald zurück." Da waren sich alle einig. Auch Vater war sich sicher, dass es nur ein Abschied auf Zeit ist. Sie hatten doch niemandem etwas Böses getan. Der Hof wurde bereits von seinem Großvater aufgebaut und in dritter Generation bestellten sie die Äcker. Das konnte man ihnen doch nicht einfach wegnehmen. Mutter betete.
Die Menschenkolonne näherte sich langsam, aber stetig den Zügen. Viehwagons. Die Soldaten zählten immer bis 40. So viele Menschen mussten in jeden Wagon zusteigen. Es war dunkel, eng und stickig. Kinder schrien, Frauen weinten. Verzweiflung zeichnete sich in jedem Gesicht ab.
Mit einem lauten "rrrums" wurden ein Wagen nach dem anderen von außen verschlossen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Dadamm, dadamm. Dadamm, dadamm, gemischt mit einem metallenen Hämmern und Klopfen, war alles, was die Außenwelt von sich Preis gab. Nach einer gefühlten Ewigkeit: Quietschen, gefolgt von Stille. Stimmen drangen zu der menschlichen Fracht vor. Aber was sagen sie? Niemand konnte sie verstehen.
Die Tür öffnete sich. Das Licht schmerzte in den Augen. Zu lange hatten sie in der Dunkelheit ausgeharrt. Erst nach einiger Zeit konnte die Familie von Hans ein Schild lesen: "Passau". "Maria, wir sind in Deutschland, in Bayern," sagte der Vater zu seiner Frau. Oder hatte er sich etwa geirrt. Da wehten amerikanische Fahnen. Die Soldaten trugen amerikanische Uniformen und alle sprachen englisch. Erneut keimte Angst in ihm auf. Mit knappen Gesten und lauten Anweisungen wurden die aussteigenden Passagiere in eine Richtung getrieben.
Es folgten Kontrollen, Untersuchungen und die Entlausung mit DDT-Pulver. Man wog jede Person, wie ein Mastschwein vor der Schlachtbank und unterzog sie einer "Lebendbeschau". Es diene der "Arbeitsklassifizierung", gab man zu verstehen.
Bauern aus der Region standen bereits Schlange und hofften, in der besten Kategorie kräftige Helfer für die Landwirtschaft zu finden.
Die Familie von Hans konnte sich durchaus sehen lassen: der gesunde und rüstige Vater, die Mutter – deren Hände attestierten, dass ihr Arbeit nicht fremd war – drei Mädchen, im perfekten Alter für Mägde und zwei Jungen, die sich sicherlich als Knechte bewähren würden. Der 11-jährige Josef wird auch schon anpacken können. Da nahm man den 5-jährigen Hans gerne in Kauf.
Die Familie stellte keine Ansprüche. Hauptsache zusammenbleiben. In einem Raum, über dem Tanzboden einer Dorfwirtschaft, fanden sie ihre erste, neue Bleibe. Sie lebten und sie waren zusammen. Sie hatten satt zu Essen und ignorierten die misstrauischen Blicke der Dorfbewohner. "Es ist ja nur für kurze Zeit". "Bald fahren wir wieder nach Hause," sprachen Vater und Mutter den Kindern Mut zu. Bald …?