Die Servicewüste lebt

Heute ist Shoppingtag. Was gibt es Schöneres für eine Frau? Die Einkaufsliste ist lang und dementsprechend groß die Vorfreude.

Ich entdecke einen Linienbus mit dem Ziel, das auch ich anstrebe – nur leider keinen Fahrplan. Bevor ich lange suche, richte ich meine Frage an den zeitungslesenden Fahrer: "Wann fährt der Bus?"

"Wann's Zeit is", raunt der Angesprochene, ohne seinen Blick, auch nur eine Sekunde, von dem gedruckten Tagesgeschehen abzuwenden. "Danke, so genau wollte ich es gar nicht wissen", entgegne ich lachend. Die Situation war zu grotesk, um mich darüber zu ärgern.

Das erste Ziel, bei dem ich meinen persönlichen Beitrag, zur Unterstützung des lokalen Einzelhandels leisten möchte, ist ein Baumarkt. Ich brauche einen Heizkörper Entlüftungsschlüssel. In der riesigen Verkaufshalle, mit 98 Gängen, weisen Schilder an der Decke auf das jeweilige Warensortiment hin, was die Suche erleichtert – denke ich. Tatsache ist aber, dass ich nach einem Zick-Zack-Lauf durch schätzungsweise 44 der 98 Gänge weder einen solchen Schlüssel noch einen Verkäufer finden kann. Also marschiere ich zurück zum Eingang, an die Infotheke. Die Angestellte, von der ich mir Unterstützung bei meiner Suche erhoffe, starrt gebannt auf ihr Handy, das offensichtlich interessanter ist als die nervige Kundschaft, die nur dumme Fragen stellt. Dementsprechend ist auch ihr Blick, mit dem sie mir zu verstehen gibt, dass sie nur unwillig Notiz von mir genommen hat. Mit einem gelangweilte "Ja, bitte?" bestätigt sie dies nun auch verbal. Ich bin nicht anspruchsvoll und sehe diese beiden Worte bereits als Erfolgserlebnis. "Wo finde ich Heizkörper Entlüftungsschlüssel?" lautet meine Gegenfrage. Mein Gegenüber konsultiert ihren Computer und antwortet: "Bei Sanitär, Gang 62 bis 74. Fragen Sie am besten einen Kollegen." Ich bedanke mich für die Information und kann es mir nicht verkneifen zu erwähnen, dass ich trotz akribischer Suche bisher keinen Kollegen finden konnte. "Bekomme ich einen Finderlohn, wenn ich einen Kollegen entdecke?" frage ich schmunzelnd. Die junge Frau zuckt mit den Achseln und wendet sich wieder wichtigeren Dingen zu: Ihrem Handy.

Ich gehe erneut zurück zu den Gängen 62 bis 74. Mit geänderter Strategie durchsuche ich die Regale mit dem Warensortiment für Sanitär. Zuerst schaue ich in den Gängen mit geraden Zahlen rechts, dann in bei ungeraden, links und gebe nach 45 Minuten resigniert auf. Schlauchschellen, Muffen, Ventile, Seifenhalter, Armaturen in allen Größen und Ausführungen fallen mir ins Auge, aber keine Entlüftungsschlüssel und keine Mitarbeiter. Ich trete ein zweites Mal den Rückweg zur Information an und sehe in der Ferne einen Angestellten des Hauses, der zwischen zwei Regalreihen Zuflucht sucht. Nix wie hin. "Du entkommst mir nicht", geht es mir durch den Kopf. Vorsichtig, ganz vorsichtig nähere ich mich der scheuen Spezies "Mitarbeiter im Baumarkt". Eigentlich sollte man sich diesen seltenen Individuen nur von vorne nähern, damit sie sich nicht erschrecken, aber ich will auf Nummer Sicher gehen, und überliste ihn rücklings, bevor er die Flucht ergreifen kann. "Entschuldigung. Ich suche Heizkörper-Entlüftungsschlüssel. Könnten Sie mir bitte bei der Suche behilflich sein", sage ich zu ihm mit verzweifelter Miene. "Dafür bin ich nicht zuständig. Da müssen sie schon jemanden von Sanitär fragen", lautet seine, erleichtert klingende, Antwort und geht. Ich gebe auf. Resigniert trete ich den Rückweg an und beschließe, mir den besagten Schlüssel Online zu besorgen. Warenwert € 2,18 – Versandkosten € 3,50. egal, ich brauche das Teil.

Die Wege in einem Baumarkt sind weit und die Strecke, die ich in der Zwischenzeit zurückgelegt habe, dürfte einem Halbmarathon entsprechen. Ich brauche dringend einen Kaffee.

Zumindest hier geht der Baumarkt auf die Bedürfnisse seiner Kunden ein, denn direkt am Eingang befindet sich eine Cafeteria. Die prompte Bedienung wirkt auf mich wie eine Wiedergutmachung – noch. Die bestellte Tasse Kaffee wird vor mir abgestellt. "Könnte ich bitte noch Milch haben?" frage ich die Servicekraft. "Ja, natürlich. Kostet aber 20 Cent extra." "Ist das ein Scherz?" "Nein, das ist bei uns so. Wir bekommen die Milch ja auch nicht geschenkt." Ich erspare mir jeden weiteren Kommentar, zähle den Restbetrag von 20 Cent passend ab und schiebe die Ein – Zwei – und Fünfcentmünzen in Richtung Bedienung. Empört werden die Münzen in meine Richtung zurückgeschoben. "Haben Sie es nicht anders? Wir müssen bei der Bank Gebühren bezahlen, wenn wir dieses Kleingeld dort einbezahlen."

Jetzt war das Maß endgültig voll und mir die Lust an shoppen vergangen. Morgen ist auch noch ein Tag, vielleicht reicht auch nächste Woche.

Bilder aus Worten ©️Karin Guterding
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