Ein doppelter Grund zum Feiern

1715 – 1725

Nach kurzer Krankheit schläft Jakob friedlich in seinem Zuhause ein. Nur seine ältere Tochter Anna lebt noch auf dem Hof. Eigentlich wollte sie in diesem Jahr heiraten, aber jetzt muss sie die Trauerzeit von einem Jahr verstreichen lassen, bevor sie ihren Johann aus Niederquembach heiraten darf. Einen Knecht kann sie sich nicht mehr leisten. Zu gering sind ihre Erträge aus der Landwirtschaft. Ohne die Hilfe ihres Cousins Johann Jacob [1]müsste sie das Haus und die Landwirtschaft aufgeben, genau wie Jacobs Mutter, die bereits mit 30 Jahren zur Witwe wurde.

Es war hart für ihn, mit nur 10 Jahren in die Fußstapfen des Ernährers zu treten. Aber er hatte keine andere Chance. Und genauso erging es auch seiner Zwillingsschwester Elisabeth[2], die bereits im zarten Kindesalter schwere Arbeit und die Härte des Lebens kennenlernt. Die Geschwister sind unzertrennlich. Ihre Freunde sind seine Freunde und umgekehrt.

Aus Kindern werden Leute und es bleibt im Dorf nicht verborgen, dass die Geschwister Gaby nicht nur gute Freunde der Zwillinge sind. Für die Familie Gaby spricht nichts dagegen, auch nicht gegen eine Heirat. Was kann man sich Besseres wünschen, als einen fleißigen Schwiegersohn wie Johann Jacob und eine pflichtbewusste Schwiegertochter wie Elisabeth. Sie kennen beide seit ihrer Kindheit und sehen sich im höchsten Maße der Familie verbunden – nicht nur als Nachbarn. Damit die "Verbindungen" amtlich werden, laden sie die Witwe und die "Kinder" zu sich nach Hause ein. Zu verhandeln gibt es wenig. Man ist sich schnell einig.

Jetzt ist die Verlobung amtlich. Das Aufgebot kann bestellt werden. Dreimal verkündet es der Pfarrer im sonntäglichen Gottesdienst. Dreimal fragt er die Kirchengemeinde, ob es Einwände gegen die beiden Ehen gibt, und dreimal nehmen alle das Aufgebot schweigend zur Kenntnis.

Die beiden Bräute kontrollieren nochmals den Inhalt ihrer Aussteuertruhe: Bekleidung und Hauswäsche, die sie aus feinem Leinen genäht und bestickt haben – ihr ganzer Stolz. Viele, viele Stunden haben sie daran gearbeitet. Hausrat ist eine Sache der Frau, an der sich der Mann nicht beteiligen muss.

Am Sonntag vor der Hochzeit treffen sich die Freundinnen der Bräute, denn heute ist ihr großer Tag, an dem sie helfen dürfen, die Brautwägen, mit der Aussteuer zu beladen. Das ganze Dorf soll die Mitgift der jungen Frauen sehen. Möbel, Wäsche, Leinenballen, Körbe und Geschirr werden vorsichtig gestapelt und mit Kissen, sowie Bettdecken ausgepolstert.

Das ganze Dorf ist auf den Beinen, als die beiden Männer, eskortiert von ihren Familien und Freunden zur Kirche gehen. Erst zum Schluss betreten die Bräute das Gotteshaus.

Nachdem Pfarrer Bingelius die Paare gesegnet hat, folgen das Abendmahl und Fürbittengebete. Jetzt sind sie Mann und Frau.

Eine Hochzeit, mit gleich zwei Paaren, an ein und demselben Tag, in ein und demselben Haus, hat noch niemand im Dorf erlebt und dementsprechend opulent ist die Bewirtung und die Feier. Und nach dem Vergnügen folgt der Alltag. Die Arbeit in der Landwirtschaft duldet keinen Aufschub. Stall ausmisten, Kuh melken, die Tiere füttern. Der Pflug und alle anderen Gerätschaften müssen überprüft und repariert werden. Hausarbeit, Kochen, Waschen, und, und, und.

Johann Jacob stellt mit Schrecken fest, dass die Holzräder des Pferdewagens neu bereift werden müssen. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn unter der Fahrt eines der Räder bricht. Die Lauffläche, der massiven Speichenräder, brauchen einen frischen Eisenbezug. Eine kostspielige Angelegenheit, für die der frischgebackene Ehemann eine Ratenzahlung bei einem der Dorfschmiede vereinbart. Bereits am nächsten Tag bekommt Johann Jacob Besuch vom Schmied, der die Nabenbänder an dem Wagen exakt ausmisst, damit er sie auf einer Handbiegevorrichtung in der Schmiede vorbereiten kann. Ein massiver Ring, der exakt die Lauffläche eines Rads abdecken soll, wird hergestellt. Die Enden verbindet der Schmied im offenen Schmiedefeuer.

8 Eichenbalken werden vor der Schmiede, im Hof aufgestellt, auf die das Rad später gelegt werden soll. Holzkeile und Hämmer liegen griffbereit. Einige Männer aus der Nachbarschaft sind zum Helfen gekommen. Auch wenn der Schmied Kraft für zwei hat - um das alte Rad auf die Eichenbalken zu hieven, braucht es weitere kräftige Hände.

Ein weiteres Mal wird der Eisenreifen im Schmiedefeuer erhitzt, damit er sich weitet. Mit Zangen und Ziehhölzern muss das heiße Eisen über das Holz des Rades gezogen werden. 4 Männer packen mit an. 4 weitere halten die Stützen. Sobald der Eisenring sitzt, wird er sofort mit dem bereitstehenden Wasser abgekühlt, damit er sich über dem Holz zusammenzieht. Die Anweisungen des Schmieds sind kurz und knapp: " Vorsicht. Jetzt. Und los." Jeder Helfer, weiß was damit gemeint ist. Zu oft haben sie bereits mitgeholfen oder zumindest zugeschaut.

Der Winter kommt und macht schnell seinem Namen alle Ehren. An der Innenseite der Fenster wuchern filigrane Eisblumen und erschaffen einen Ausgleich zu der fehlenden Flora in der dunklen Jahreszeit. Dunkel wird es in den Räumen, wenn die Eiskristalle von unten nach oben klettern, an Dicke zunehmen und am Ende das komplette Fenster bedecken.

Für eine wohlige Wärme in den Stuben sorgt das brennende Feuer in den Holzöfen. Überall steigt der Rauch aus den Schornsteinen auf. Die dünne Reifschicht, die die karge Natur bei Wintereinbruch bedeckt, muss schon bald einer dicken Schneedecke und langen Eiszapfen weichen - zur Freude aller Kinder und zum Leidwesen älterer Menschen.

Kinder lieben Schneeballschlachten und Schneemänner. Das Knirschen, wenn sie eine Schneekugel über den frisch gefallenen Schnee rollen, ist wie Musik in ihren Ohren. Immer größer wird die Kugel. "Jetzt ist gut", bestimmt eines der Kinder. Und schon beginnt die Gruppe mit der zweiten Kugel, die den Oberkörper darstellen wird. Alle packen mit an, wenn der riesige Schneeball auf den "Unterkörper" gehoben wird. Flinke Hände verbinden beide Teile, indem sie mit frischem Schnee die Übergänge verstärken. Jetzt ist der Kopf dran. Rollen, hochheben, verstärken. Geschafft. Ein Junge hat Steine, einen Reisigbesen und eine Möhre von zu Hause geholt und haucht dem Schneemann menschliche Züge ein. Die Kinder nehmen sich an den Händen und tanzen im Kreis um ihren dicken Freund, den sie mit eigenen Händen geschaffen haben. "Das hat Spaß gemacht", rufen sie im Chor. Müde und mit kleinen Eisklümpchen in den Haaren, machen sie sich auf den Heimweg. Die Mutter wartet schon.

Sobald die Kinderschar wieder zu Hause ist, verschwinden ihre Spuren im Schnee. Friedlich und menschleer zeigt sich die Dorfstraße. Die Dächer wirken, als würden sie sich mit weißen Wollmützen gegen die Kälte schützen. Alles scheint in Einstimmung auf das anstehende Weihnachtsfest zu sein. Lediglich ein schmaler Pfad, zwischen der Haustür und dem Stall, wird immer wieder freigekehrt. Asche und Tannenreiser sorgen für einen besseren Tritt.

Johann Jacob nutzt den Winter und ersetzt die bei der Heuernte beschädigten Zinken an den Heurechen. Das Schnitzen geht ihm leicht von der Hand, aber beim Einsetzen fehlt die nötige Geduld.

Er holt seine Frau zur Hilfe, die bei ihren Stickereien ein ruhiges Händchen beweist. Einen Zinken in den Rechen einsetzen zählt für sie bereits zu den grobmotorischen Arbeiten. "Typisch Mann", neckt sie ihn und setzt mit einem einzigen Versuch das Holzstück ein. "Passt", sagt sie und reicht den Rechen zurück an Johann Jacob.

Sein Schwager beschäftigt sich mit Körben flechten. Die langen Weidenruten hatte er sich schon im Spätherbst, in der Nähe des Solmsbachs, geholt. Körbe braucht es immer. Um Holz, Obst oder Gemüse zu tragen steht in jedem Raum, Keller, Scheune und Stall mindestens ein – mehr oder weniger ansehnliches - Exemplar.

Die Menschen führen ein, für ihre Verhältnisse, vollkommen normales Landleben. Es könnte besser gehen, aber es reicht. Offiziell spricht man von Frieden, aber das Dorf führt Krieg gegen einen Vierbeiner.

Es wird gemunkelt, dass in den Wäldern mehr Wölfe als Hirsche leben. "Sie vermehren sich wie Ungeziefer", erklärt der Landjägermeister und fordert um die Erlaubnis des Grafen, den "Grauhund" vernichten zu dürfen. "Es sind so viele, dass man nicht mehr wandern kann. Bereits mehrere Menschen wurden angefallen. Und dann das viele Vieh, dass der Wolf auf den Weiden gerissen hat und für das uns niemand eine Entschädigung zahlt", klagen die Bauern.

Das Vieh interessiert den Grafen recht wenig, aber das Rotwild, das ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Er zögert keine Minute und ordnet Treibjagden an, um dem Raubtier Herr zu werden.

Die meisten Hetzjagden gibt es im Winter, bei denen sogar die Kirchenglocken geläutet werden, sobald ein Wolf gesichtet wurde. Die Glocken sollen zum einen alle Männer alarmieren und zum anderen einen göttlichen Beistand sichern. Mit Laternen, Dreschflegeln, Äxten, Spießen, Beilen und Knüppeln bewaffnet stürmen sie aus dem Dorf und bahnen sich ihren Weg durch den Schnee.

"Wir müssen den Wolf einkreisen". "Verrecken soll der Hund." Die Schreie der Männer sind nicht zu überhören. "Da ist er". "Hinterher", rufen sie mit hassverzerrten Gesichtern, als sie das Raubtier erblicken. Die Augen des Tieres funkeln in der Finsternis. Sein Knurren geht durch Mark und Bein. Der Anblick des Gebisses und das zu einer Grimasse verzerrte Gesicht jagt den Verfolgern einen kalten Schauer über den Rücken. Es ist ein ungleicher Kampf, den der Wolf nur verlieren kann: einer gegen zwanzig und mehr - da ist der erfolgreiche Ausgang nicht nur dem göttlichen Beistand zu verdanken.


[1] Johann Guterding: 1691 – 1763, verheiratet im Jahr 1716 mit Anna Margaretha Gaby 1694 - 1762

[2] Elisabeth Guterding *1691

Bilder aus Worten ©️Karin Guterding
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